Leseproben

Franz von Assisi

Franz von Assisi Leben und Legenden

Ein neues Leben beginnt

Um seinen zweiundzwanzigsten Geburtstag herum hatte Franziskus sich schließlich damit abgefunden, dass er niemals in den Ritterstand aufsteigen würde. Auf die Vorteile, die er als angesehener, reicher Kaufmann hatte, wollte er aber nicht verzichten. Er versuchte, sein Leben zwischen Arbeit und Vergnügen, einträglichen Geschäften und großzügigen Festen weiterhin zu genießen.

Die Freunde, die seine Rückkehr aus dem Süden freudig begrüßt hatten, fanden ihn in seiner Liebenswürdigkeit und Freigebigkeit völlig unverändert. Sie stellten allerdings fest, dass er sich, anders als früher, gelegentlich von ihnen zurückzog, dass er ohne sie ausritt oder in den Straßen von Assisi allein lange Spaziergänge machte. Manchmal verstummte er auch mitten in einem Gespräch und hing Gedanken nach, über die er nicht sprach.

Die Legende erzählt:
Einmal zog Franziskus nach einem köstlichen Abendessen, zu dem er eingeladen hatte, mit seinen Freunden wie üblich singend und tanzend durch die Gassen und über die Plätze der Stadt.

Niemand verstand, warum er plötzlich zurückblieb. Jeder wunderte sich, als er schließlich ohne Erklärung in einer Seitengasse verschwand. Alle riefen seinen Namen und bemühten sich, ihn in ihre Mitte zurückzuholen. Er aber ging mit gesenktem Kopf weiter.

Franz von Assisi

Die Freunde liefen ihm nach. Sie nahmen ihn nicht ernst, sondern neckten ihn wegen seines ungewöhnlichen Benehmens.

„Oho, hast du dich etwa verliebt?“, fragte einer.

„Du sehnst dich gewiss nach einem Mädchen!“, sagte ein anderer.

„Vielleicht suchst du schon eine Frau“, vermutete ein dritter.

Da blieb Franziskus stehen und antwortete: „Ihr habt alle recht. Ich werde bald eine Frau nehmen, die wunderbarer und schöner ist als alle anderen.“

Die Freunde wussten nicht, ob sie lachen oder den Kopf schütteln sollten. Aber natürlich wollten sie wissen, wer diese Frau war und wie sie hieß.

„Der Name meiner Braut ist Armut“, erwiderte Franziskus. „Sie wird mich so glücklich machen, wie ich noch niemals gewesen bin, und sie soll mich mein Leben lang begleiten.“

Damit ging er lächelnd davon. Es kümmerte ihn nicht, dass seine Freunde kopfschüttelnd hinter ihm herschauten.

Franz von Assisi

Illustration: Johann Brandstetter


Prinzessin über Nacht

Prinzessin über Nacht

Ich wohne jetzt in einem Schloss und habe vier eigene Zimmer: ein Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer, ein Spielzimmer und ein Arbeitszimmer.

Im Arbeitszimmer mache ich die Hausaufgaben für Herrn Holzapfel. Das ist mein Lehrer. Er hat nur eine einzige Schülerin – mich! Ich habe bei ihm Rechnen, Schreiben und Lesen. Er ist immer nett zu mir und traut sich nicht, mit mir zu schimpfen. Nicht mal, wenn ich vergessen habe, meine Hausaufgaben zu machen.

Sobald er mit mir schimpft, kürzt ihm mein Vater, der König, nämlich das Gehalt. Und meine Mutter, die Königin, streicht ihm mittags den Nachtisch. Natürlich habe ich mit meinen Eltern zusammen eine Menge Diener. Aber eine Hofdame und eine Kammerzofe dienen ganz allein mir.

Prinzessin über Nacht

Meine Hofdame heißt Lavinia und sorgt dafür dass ich gute Manieren und nie Langeweile habe. Sie liest mir was vor und macht mit mir Musik. Außerdem erfindet sie tolle Spiele für mich und führt mich im Schlosspark spazieren. Mit Regenschirm oder mit Sonnenschirm – je nachdem.

Meine Kammerzofe heißt Lissi und passt auf, dass ich von morgens bis abends schön aussehe. Sie hilft mir beim An- und Ausziehen, bürstet stundenlang meine Locken und gibt Acht, dass mein Badewasser die richtige Temperatur hat. Und dass es gut riecht, natürlich! Sie streut nämlich frische Rosenblüten hinein.

Ich habe ein Pferd, einen Hund und eine Katze. Das Pferd ist ein Araberpony und heißt Silberstern. Es lässt nur mich in den Sattel. Der Hund ist ein Mops und heißt Totti. Er gehorcht mir aufs Wort. Die Katze ist eine Perserkatze und heißt Elmira. Sie kuschelt sich am liebsten in meine Arme und schnurrt.

Prinzessin über Nacht

Illustration: Eva Czerwenka

Monja Mondstein

Monja Mondstein

Hinter der kleinen Hexe stand, wie vom Wind hergeweht, ein finsterer Mann – schwarz der Schlapphut über seinem bärtigen Gesicht, schwarz der weite Mantel um seinen mächtigen Körper, schwarz die Handschuhe an seinen klobigen Händen, schwarz die Stiefel an seinen riesigen Füßen.

„Was macht du mit meinem Zauberstab Monja Mondstein?“, grollte er. „Du solltest ihn suchen, aber du solltest ihn nicht benutzen. Und auf keinen Fall solltest du denen, die ich als Steinfiguren in diesen Garten gestellt habe, ihr Leben und ihre wahre Gestalt zurückgeben.“

„Was haben sie dir den getan, Onkel Hokus?“, fragte Monja.

„Sie haben mir nicht gehorcht“, antwortete er barsch. „Also musste ich sie bestrafen. Auch du hast getan, was du nicht durftest. Deshalb wird es dir ergehen, wie es ihnen ergangen ist.“

Marie und Leon liefen eiskalte Schauer über den Rücken. Aber sie nahmen einander fest bei der Hand und traten auf den Hexenmeister zu.

„Hallo, Herr Pokus“, sagte Marie. „Wollen Sie Monja etwa auch in ein Tier verwandeln? Noch dazu in eins aus Stein?“

„Das können Sie doch nicht machen, Herr Pokus!“; rief Leon. Erstens hat Monja nichts Böses getan und zweitens ist sie mit Ihnen verwandt!“

„Aber sie hat meinen Zauberstab benutzt!“, grollte der Hexenmeister. „Das hatte ich ihr verboten.“ Er warf Monja einen böse flackernden Blick zu. „Wer sind diese Kinder? Hast du sie mit in den Garten genommen?“

„Ja“, sagte Monja, „die beiden sind meine Freunde.“

„Hokus Pokus lachte verächtlich. „Wer stark ist, braucht keine Freunde. Ich habe nur Feinde. Und die zu besiegen, fällt mir nicht schwer.“

Fast tat der Hexenmeister den Kindern leid. Es musste doch schrecklich sein, keinen einzigen Freund, sondern nur Feinde zu haben!

„Du weißt, dass du Strafe verdient hast, Monja!“, sagte Hokus Pokus. „Gleich wirst du ein steinernes Tier sein. Ein Maulwurf vielleicht oder ein Frettchen. Du kannst es dir aussuchen.“ Er streckte die Hand aus. „Jetzt gib mir den Zauberstab!“

ISBN: 978-3-641-13896-7


Der kleine Weihachts-Esel

Der kleine Weihachts-Esel

Kilian schüttelt die Mähne. „O nein,
den schweren Schlitten zieh' ich allein,
und zwar im richtigen Schritt und Tritt!“
„Iah!“, ruft der Kleine. „Ich will aber mit!
Will auch mal schöne Christbäume seh'n,
vielleicht sogar vor 'ner Krippe steh'n!“

Der Weihnachtsmann und die Engel lachen.
Was sollen sie bloß mit Benjamin machen?
Er ist noch so klein und die Reise ist weit.
Doch das drollige Kerlchen tut ihnen leid.
Wenn es den Schlitten nicht ziehen kann,
dann binden sie es einfach hinten an.

Der kleine Weihachts-Esel

Illustration: Sabine Straub